Zukunft der Kultur nach Corona

Was bedeutet es für Künstler*innen und Kulturschaffende, seit fast einem Jahr nicht mehr arbeiten zu dürfen? Wie kann sich die Branche nach dem langen Lockdown nun wieder erholen? Werden sich überhaupt alle wieder erholen?

Diese und noch mehr Fragen habe ich am 01.07.2021 im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Kulturschaffenden und Künstler*innen und Politker*innen diskutiert. Passend zum Thema waren wir dafür im Lindener-Szene-Club Béi Chéz Heinz, ebenfalls ein vom Lockdown betroffener Ort für Kultur, Musik, Tanz und Veranstaltungen.

Mit dabei waren:

  • Marie Diot, Liedermacherin
  • Tobias Kunze, Slam-Poet, Rapper
  • Gerald Pursche, Kulturmanager der Kulturfabrik Krawatte, Barsinghausen
  •  Noa Wessel, Schauspielerin, Regisseurin und künstlerische Leiterin des „Theaters zwischen den Dörfern“ aus Bredenbeck/Wennigsen
  • Oliver Kluck, Kulturpolitischer Sprecher der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in der Regionsversammlung

Marie Diot berichtet von Ihren Erfahrungen mit abgesagten Veranstaltungen während des Lockdowns.

Die Moderation übernahm Iyabo Kaczmarek, Kulturproduzentin aus Hannover und Spitzenkandidatin für den Rad der Stadt Hannover für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Linden-Limmer.

Nach einem Abend voller berührender Berichte über die letzten Monate, spannender Themen und anregender Gespräche – auch abseits der Bühne – stand fest: In der Kulturbranche ist die Corona-Krise noch lange nicht vorbei – selbst wenn im Herbst keine vierte Welle zu erneuten Schließungen führt.

Zwar haben sowohl Bund als auch das Land Niedersachsen und die Region Hannover finanzielle Hilfen bereitgestellt. Und diese wurden und werden von der Branche auch grundsätzlich dankend angenommen. Allerdings wurde bzw. wird es Kulturschaffenden hier unnötig schwer gemacht, diese Hilfen auch tatsächlich zu erhalten – sei es durch unzureichende oder schlechte Kommunikation, unpassende Förderbedingungen wie beispielsweise Betriebskosten von Solo-Selbstständigen, viel zu komplizierte Anträge für Förderhilfen oder den Anspruch, zunächst das Ersparte aufzubrauchen.

Fest steht aber auch, diese Hilfen laufen nun aus. Verlängerungen oder neue Hilfsfonds sind derzeit nicht geplant. Gleichzeitig ist die Kulturbranche aufgrund eines Veranstaltungs-Rückstaus, der vertraglich nachgeholt werden muss und rechtlich jetzt erst – teilweise aber auch nur eingeschränkt – nachgeholt werden darf, ausgelastet. Freie Kapazitäten für neue Veranstaltungen bleiben derzeit nicht übrig. Das Problem hierbei: Die Nachholtermine generieren für die Branche keine Einnahmen, da sie größtenteils bereits vollständig vor der Corona-Pandemie finanziert wurden. Außerdem brauchen die Kulturschaffenden aktuell Räume, die den Hygienestandards gerecht werden – auch hierbei kann und muss die öffentliche Verwaltung die Kulturbranche unterstützen. Eine Zusammenarbeit ist z.B. auch mit den Hochschulen in der Region Hannover möglich, da die großen Hörsäle in den Abendstunden und am Wochenende grundsätzlich nicht genutzt werden. Hier könnte die Region Hannover als „Vermittlerin“ für eine Zusammenarbeit zwischen Kultur und Wissenschaft tätig werden und so die Kulturschaffenden in der Region Hannover wirksam unterstützen.

Leider wurde den Kulturschaffenden in der Pandemie zu oft und deutlich vermittelt, nicht „systemrelevant“ zu sein – und das hat tiefe Spuren und Wunden hinterlassen. Diese Geringschätzung von Kunst und Kultur in der Pandemie muss dringend aufgearbeitet werden und es muss wieder deutlich werden, welchen existentiellen Beitrag Kunst und Kultur für eine pluralistische und demokratische Gesellschaft und einen freien Diskurs leistet. 

Poetry-Slammer Tobi Kunze bringt das bedingslose Grundeinkommen als mögliche Corona-Unterstützung für Kultur-Schaffende in die Diskussion.

Poetry-Slammer Tobi Kunze bringt das bedingungslose Grundeinkommen als mögliche Corona-Unterstützung für Kulturschaffende in die Diskussion.

Ein möglicher Lösungsvorschlag, um die Branche und die vielen Künstler*innen und Solo-Selbstständigen aktuell zu unterstützen und die Kulturszene fit für die Zukunft zu machen ist für mich die Einrichtung und Etablierung einer digitalen Vernetzungs- und Beratungsplattform für Kulturschaffende, Künstler*innen, Vereine, Verbände und Einrichtungen der kulturellen Bildung. So eine Plattform hätte in der Pandemie den Kulturschaffenden die Möglichkeit gegeben, sich gegenseitig auszutauschen, zu vernetzen und zu unterstützen und hätte eine konkrete Hilfestellung in dieser schwierigen Zeit sein können. Darüber hinaus braucht es passgenaue und niedrigschwellige Förderprogramme durch die Region Hannover für die lokale Kunst- und Kulturszene.

Denn für mich steht fest, dass Kunst und Kultur die regionale Identität stärken, für Zusammenhalt sorgen und Potenziale für soziale Inklusion und kulturelle Vielfalt freisetzen. Sie tragen wesentlich dazu bei, die Welt zu verstehen. Sie sind Elemente einer offenen und demokratischen Gesellschaft. Sie bieten uns Perspektiven für die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft. Und daher braucht es gerade jetzt neue Perspektiven für die Kultur.

v.l.n.r: Frauke Patzke, Jürgen Grambeck und Iyabo Kaczmarek, diskutieren auch nach der Veranstaltung angeregt weiter über mögliche Hilfen für die Kunst- und Kulturbranche.

v.l.n.r: Frauke Patzke, Jürgen Grambeck und Iyabo Kaczmarek, diskutieren auch nach der Veranstaltung angeregt weiter über mögliche Hilfen für die Kunst- und Kulturbranche.

Ich bedanke mich bei allen Diskussionsteilnehmer*innen und auch bei dem Publikum vor Ort für den tollen Abend, die guten Gespräche und die großartige Stimmung.

Vielen Dank auch an die Teilnehmer*innen im Stream, die gute und anregende Fragen über den Chat stellten.

Einen ausführlichen Einblick in die Forderungen und Maßnahmen zur Förderung der Kunst- und Kulturbranche in der Region Hannover finden Sie unter »Meine Ziele«

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